Interrail 1980: Heimweg über die Pyrenäen

Erster Teil hier

Eine antiquierte öffentliche Bedürfnisanstalt

Ich ging zum Bahnhof Santa Apolonia und wartete auf den Zug nach Madrid. Ich wollte diesmal quer durch Spanien rüber nach Barcelona und dann über die Pyrenäen, an Andorra vorbei, nach Frankreich. Leider überkam mich jetzt ein dringendes Bedürfnis. Doch die Toiletten in diesem Bahnhof hatten nicht den gewohnten Standard: Man stand mit den Füßen auf zwei Markierungen und unten in der Mitte war ein Loch für den Abfluss. Eine Kabinentür gab es auch nicht… Was soll ich sagen, ich habe auch diese Übung gemeistert und voll reingetroffen…

Ein folgenreiches akustisches Missverständnis

Im Wartebereich des Bahnhofs saß ein junges, 17-jähriges Mädchen. Ich unter­hielt mich mit ihr und ich sagte, dass ich nach Madrid fahren wolle, sprach das „d“ am Ende von Madrid wie das englische „th“ aus, wie ich das im Spa­nisch­kurs gelernt hatte. Das sollte sich als schicksalhaft herausstellen… Die junge Portugiesin hieß Ana Cristina und hatte sich mit einer heftigen Umarmung und einem intensiven Kuss verabschiedet. Später hat mir Ana Cristina ge­schrieben, dass sie den ganzen Zug nach Paris (sie hatte mein „Madrith“ als „Paris“ interpretiert) vergeblich nach mir abgesucht hat.

Sie hatte sich in mich verliebt! Aus der Entfernung habe ich ihre Briefe, die vor Sehn­sucht trief­ten, nicht sonderlich Ernst genommen. Ich wusste, dass die Portugie­sen den Fa­do lieben, der auch voller Sehn­sucht ist. Jedenfalls sind wir nie über Freund­schaft hinausgekommen, nachdem ich zwei Mal wäh­rend der Sommerferien ver­geblich versucht habe, sie in Lissabon zu treffen. Im Zeitalter von Handys und SMS wäre diese Geschichte möglicherweise auch an­ders ausgegangen. Ana Cristina hat inzwischen zwei prächtige, erwachsene Töchter, ist ge­schie­den und wohnt in – Paris!

Mit einer Nonne im Abteil

Auf dem Weg nach Madrid musste ich diesmal nicht auf dem Gang he­rum­lun­gern. Ich saß mit einem jungen Spanier, einer ebenso jungen Spanierin, beide aus Murcia, und einer Nonne in ei­nem Abteil. Irgendwie sind die Spanierin und ich übereinander her­gefallen und haben hemmungslos geknutscht. Der männliche Begleiter war mö­g­licherweise ihr Bruder oder was auch immer… Die Nonne jedenfalls hat es ertragen, ohne eine Miene zu verziehen.

Fosforos

Erwähnenswert ist noch, dass mich ein paar bekiffte Spanier nach Streichhölzern (cerillos)  gefragt haben und ich zuerst nicht verstand und dann „Ah, fósforos“ sagte und ihnen ei­ne portugie­sische Streichholzschachtel reichte  und sie mich tat­sächlich für einen Por­tugiesen gehalten haben!

Bei den „fósforos“ handelte es sich um bei uns seltene „Überall“-Zündhölzer.
Ich hatte sie eigentlich als Andenken gekauft.
Bekanntlich bin ich ja eingefleischter Nichtraucher.

In Madrid musste ich aufpassen, dass ich keinen klimatisierten (und damit zuschlag­pflich­tigen) „Talgo“-Zug nach Barcelona nahm. Damalige Interrailer haben solche Züge immer vermieden.

Das „erste Mal“ beim dritten Stopp in Barcelona

Impression Las Ramblas Barcelona 79

Ich blieb dann eine Nacht in Barcelona. Wie ich bei meinem dritten Aufenthalt in dieser Metropole meine Unschuld verloren habe, ist eine andere Geschichte.Kappa-T-Shirt 1

Gefunden habe ich im Gegenzug aber auch etwas: Auf dem Balkon meines Zimmers lag wundersamerweise ein graues Kappa-T-Shirt. Es hat sogar gepasst und es befindet sich immer noch in meinem Hausstand…

Noch eine Adresse / wunderschönes Bergdorf in der Nähe von Andorra

Der Regionalzug Richtung Pyrenäen war nicht übermäßig voll und ich kam ins Ge­spräch mit einer kleinen Spanierin. Pilar studierte in Barcelona und ihre El­tern wohnten in Borredá, einem Dorf am Rande der Pyrenäen. Wieder hatte ich ein Mädchen geküsst und eine Adresse gesammelt. Jahre später besuchte ich sie unter anderem über Ostern in ihrer WG in Barcelona und auch sie hat mich in Deutschland besucht. Inzwischen ist der Kontakt aber abgebrochen.
Puigcerda Extrem langer Schatten auf Treppe

Die Bahnfahrt endete in Puigcerda. Ich fuhr mit einem überfüllten Bus auf einer Hoch­ebene mit atemberaubendem Bergpanorama weiter Richtung Andorra. In einem hübschen Ort namens Martinet stieg ich vor­zeitig aus. Martinet hat ein kleines Freibad und, wie gesagt, eine umwerfende Landschaft. Ich nahm ein Zimmer in einer kleinen Pension. Zum Frühstücken konnte man sich Brötchen vom Bäcker kaufen und in einer Frühstücksbar zum café expreso verzehren. Das war o.k. und viele machten das so.

Boule-Turnier in Martinet Petanca

In Martinet war was los: Am Abend fand ein Boule-Turnier statt! Die nennen das aber Petanca. Ich hätte auf einen Außenseiter gesetzt. Der hatte einen sehr eigenwilligen Wurfstil, hat aber dann doch „keinen Blumentopf“ gewonnen.

Später war dann auch noch die Wahl der Miss Turismo 1980. Wenn ich mich recht erinnere, hatten die immerhin vier oder fünf Kandidatinnen aufgetrieben. Es waren auch alle ganz ansehnlich.

Eigentlich wollte ich ja nach Andorra

Ich unterhielt mich mit einem englischen Ehe­paar und konAndorra Les Escalde Shell-TankstelleImpression in Andorra 1980nte sie davon überzeugen, dass sich ein Besuch in Andorra loh­nen würde. Sie ließen mich in ihrem Auto mitfahren. Ich weiß nicht, ob der Preis­­­unterschied bei Kraftstoffen auch 1980 schon so krass war wie heute. Je­den­falls wollte mein „Chauffeur“ noch in Andorra tanken. An der Tankstelle war eine lange Schlange und es dauerte ewig. Wie sich herausstellte, musste der Tank­wart mit einer Hebelpumpe das Benzin von Hand in den Tank befördern, da die elektrischen Pumpen wohl ausgefallen waren….

Was ich bei diesem, dem ersten, Andorra-Besuch gekauft habe, weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall war eine kleine, khaki-braune, flexible Sporttasche äußerst dünnem Nylon-Material dabei, die ich über alles geliebt habe, die mir aber Jahre später in Benidorm (samt recht wertlosem Inhalt) gestohlen werden sollte…

Real-Achterbahn – für Interrailer kostenlos

Die vier Wochen gingen langsam zu Ende und ich machte mich mit dem Bus auf nach Puigcerda, von wo man 500 m durch den Ort nach Bourg Madame, auf die französi­sche Seite, kommt. (Anmerkung: Die Spurweite der Eisenbahn in Spanien und Por­tu­gal unterscheidet sich von der des überwiegenden Rests von Europa und daher gibt es keine durchgehenden Züge. Dies gilt nicht für moder­ne Hochge­schwin­digkeitszüge.) Von Bourg-Madame startet der Petit Train Jaune, ein alter­tüm­licher Zug mit Holz-Sitzen, der in gelb und rot angestrichen ist. Im Sommer kann man in offenen Waggons fahren.

Le Petit Train Jaune Offener Waggon, Kinder Portrait im offenen Waggon Petit Train Jaune 1980

Le Petit Train Jaune Hocheben, Kurven, Tunnel

Die Strecke fängt in Bourg Madame harmlos an, entwickelt sich dann aber zu einer Real-Achter­bahn, inklusive Kindergeschrei in den Tunnels und auf verwegenen Brücken und Viadukten, jeweils enge Kurven inklusive.

Viadukt Le Petit Train Jaune 1980 klein

Ich bin wirklich froh, diese Route gefunden und gewählt zu haben und kann es nur empfehlen. Aufgrund des Ach­ter­bahn-Effekts ist die Bergab-Fahrt nach Villefranche Vernet les Bains (Villefranche de Conflent), der Anfangs-/Endstation des kleinen gelben Zuges, aufregender als der umge­kehr­te Weg. Für Radfahrer, welche mit dem Rad die Pyrenäen „hinun­terheizen“ wol­len, gilt natürlich das Umgekehrte.

Von Villefranche de Conflent kommt man recht schnell nach Perpignan. Von dort über Paris nach Stuttgart.

Nicht alle Franzosen sind unkompliziert und freizügig

Trotz Hauptreisezeit konnte ich einen Platz in einem D-Zug-Sechser-Abteil von Paris nach Stuttgart ergattern. Leider weigerte sich ein französisches Ehepaar um die 30, auch ihre Plätze zur Verfügung zu stellen, um durch Zusam­men­schie­ben aller Sitze ei­ne komplette Liegefläche zu bilden. So musste ich und drei andere junge Ruck­sack­rei­sende uns suboptimal auf der verbliebenen Fläche hinkauern.

Es hat sich ins­gesamt gezeigt, dass die Erfahrungen aus der ersten Interrail-Fahrt 1979 enorm zum Gelingen des Projekts 1980 beigetragen haben.

2016: Der Interrail Global Pass gilt jetzt auch für die Strecken bis zur und von der Grenze in D

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