Interrail 1980: 21, allein con un poco de español

Mit Hermann Hesse über die Alpen –
Kenntnisse eines Radklassikers helfen

Selbstportrait gelbes T-Shirt, SilberkettchenWie beim ersten Interrail-Trip 1979 mit Karl wollte ich schnell aus Deutschland heraus, wo die Hälfte des Fahrpreises der Bahn fällig war. Also nach Straßburg. Diesmal aber sollte es auf kürzerem Wege, nicht über Paris, sondern über Mulhouse in Richtung Dijon gehen. Auf dem Bahnhof hatte ich aber einen etwas jüngeren Deutschen getroffen, der sogar in einem Ort in der Nähe von mir wohnte, etwa 35 km entfernt. Jürgen wollte die Schulkameradin sei­nes Bruders an der Blumenriviera besuchen: Gina Giordano.

Blumenriviera

Ich musste erst ein paar Mal nach­fra­gen, ehe ich mir ein Bild machen konnte, wo die Blumenriviera war. Aha, wenn man auf der Landkarte die Mittelmeerküste von Nizza über Monaco Richtung Italien „fährt“, kommt man an die italienische Blumenriviera. Bordighera hieß das Städtchen mit etwa 10.000 Einwohnern, wo das Mädchen mit italienischen Wurzeln bei ihren Großeltern Urlaub machte. Das hörte sich gut an, obwohl ich das Mittelmeer eher für eine Kloake hielt, aber ich musste ja nicht lange dort bleiben. Ich wusste natürlich, dass ich wieder nach Portugal woll­te. Nur der Weg dorthin durfte gerne ein anderer sein…

Ich schloss mich al­so Jürgen an und wir fuhren zunächst über Mulhouse nach Basel und von dort nach Mailand. Hier zeigte sich die Flexibilität des Interrail-Passes: Ich strich einfach Dijon und schrieb dafür Milano. Der Zug der SSB rollte zügig und geräuscharm durch die Schweizer Bergwelt über die Alpen. Von dem Alpen­pa­norama und der durch einen Sketch des Schweizer Kabarettisten  Emil Steinberger berühmten Kirche von Wassen auf der Gotthardtbahn habe ich aber nicht alles mitbekommen, da ich die Lektüre meines Reise‑Partners auf Zeit verschlungen habe: Siddhartha, eine indische Dichtung von Hermann Hesse. Reisen bildet eben ungemein…

In Mailand übernachteten wir in der Jugendherberge und stockten am nächsten Morgen Proviant auf mit Mailänder Salami und Ciabatta. Ich erinnerte mich an den Radklassiker „Mailand -San Remo“. Wir mussten also nach San Remo und von da ab die Küs­te entlang Richtung Monaco. Nun stellte sich heraus, dass Bordighera nur ca. 10 Bahnminuten von San Remo entfernt war. Kaum vorstellbar, dass wir das alles ohne Internet und Handy herausbekommen haben. Es klappte so be­ängs­tigend gut, dass wir schon um die Mittagszeit in Bordighera waren. Nun war es an mir, meine frischen Spanischkenntnisse in Italien auszuprobieren. Es sind ja beides romanische Sprachen und viele Fruehstueck auf dem Balkon von Giordanos in BordigheraWörter sind ähnlich.

Über­ra­schend schnell fanden sich durch Befragen Einheimische, welche glaub­ten, die betref­fende Familie zu kennen und die uns zu dem Haus führten. Unser Glück war perfekt, als die Leute auch noch zuhause waren und uns zum Essen einlu­den. Da­nach gingen wir mit der vollschlanken Gina und deren italieni­schen Cou­sin Roberto an den Strand. Die Nacht durften wir mit Isomatte und Schlafsack auf dem Balkon verbringen.

Skater in Halfpipe Nizza 79

Am nächsten Morgen verabschiedete ich mich von allen.
Ich setzte meine Reise Richtung Portugal über Monaco,
Nizza und Barcelona fort. Bei einem kurzen Aufenthalt
in Nizza entstand die Skater-Impression in der Halfpipe links.

Begegnung der etwas anderen Art

Als ich in Barcelona am Ende der Ramblas „unmotiviert herumstand“, sprach mich ein Spanier an, der sich als Künstler zu erkennen gab und mir seine Werke in seiner Wohnung zeigen wollte. Mit mulmigem Gefühl folgte ich ihm und was ich dann sah, be­stärk­te mich in meiner Skepsis: keine Spur von Atelier, dafür ein Haufen kit­schiger, tüdeliger Kram. Ich verließ die Wohnung fast fluchtartig und war mir sicher, einer diffusen Gefahr gerade noch entronnen zu sein.

Abstecher nach Marbella

Den Expreso Richtung Süden kannte ich ja nun schon und alles lief perfekt. Im Zug kam ich wieder mit einem Deutschen ins Gespräch. Peter wollte Freunde in Marbella, ca. 50 km von Málaga, besuchen, die dort einen Ferien­bungalow ge­mietet hatten. Mit Pool. Ich ließ mich also wiePool in Marbella 1980der auf einen kleinen Umweg ein und wir bestiegen in Cordoba den Zug Richtung Málaga. Die Fahrt nach Mar­bella über Torremolinos erfolgte in überfüllten Vorortzügen. Wir durften dann auf dem Rasen des Bungalowgrundstücks schlafen. Der Pool war o.k., das Meer war aber nicht vergleichbar mit den Felsenbuchten in Lagos, Portugal. Mich hielt es daher auch nicht länger als nötig. Was mir noch in Erinnerung geblieben ist: Im Supermarkt von Marbella sprach man Deutsch und am Ende des Förder­bands an der Kasse stand ein Einpacker. Man musste aufpassen, dass man nicht zu viel oder zu wenig eingepackt bekam. Nicht mein Ding…

Bahnhofsszene in Malaga 1980

Nichts wie zurück nach Cordoba. Zug nach Sevilla, Zug nach Huelva, Zug nach Ayamonte. Diesmal gehörte ich zu den „Wissenden“ und führte die Karawane zum Hafen mit an. Ich fuhr nach dem Übersetzen mit der Fähre ohne Unterbre­chung direkt nach Lagos und fand ein „Quarto“ bei der Zimmervermieterin Marie Luise Climace an der Stadtmauer, bei der ich mit meinem Freund ein Jahr zuvor schon gewesen war – ausgerechnet das winzige Zimmer, das die Hambur­gerin damals gehabt hatte.

Sternschnuppen beobachten am Strand

Ich wollte die Sternschnuppen des Perseidenschwarms am Strand anschauen und habe dazu die Strandmatte und den Schlafsack genommen und habe einfach mein Nachtlager am Strand aufgeschlagen und schaute in den Himmel, ohne viel „Lichtverschmutzung“. Dazu platzierte ich den Schlafsack an einer Stelle, die deutlich über der letzten Flut lag. Zum Glück hatte ich damals noch nie et­was von einem Tsunami gehört… Nachdem ich genug Sternschnuppen gesehen hatte, schlief ich ein. Als Schwabe fühlte ich mich dadurch richtig „groß“, auf den Komfort des Zim­mers und Betts verzichtet zu haben, obwohl ich es bezahlt hatte… Wenigstens hatte ich aber alle Wertsachen im Zimmer lassen können.

Blütezeit des Nacktstrands

Dieses Jahr war der Nacktstrand an der Felsenbucht links vom Leuchtturm noch stärker bevölkert als das Jahr zuvor. Es gab jetzt sogar so etwas wie einen Kiosk und jemand harkte regelmäßig mit einem Rechen die angespülten Braunalgen (kelp) zusam­men. Dass die dann, zusammen mit Müll, von Zeit zu Zeit am Strand verbrannt wurden, war allerdings weniger schön. In dieser Beziehung verhielt ich mich vor­­bildlich: Ich nahm nichts mit an den Strand: Kein Handtuch, keine Wertsa­chen, nichts zu essen und nichts zu trinken. Somit konnte ich gar keinen Müll verursachen. Natürlich stellte sich irgendwann Durst und Hunger ein; das war dann für mich das Zeichen, dass ich auch genug Sonne abgekriegt hatte und ich verzog mich auf mein Zimmer zur Siesta.

Die Freaks kehren Lagos den Rücken

Sagres 1980 Trockenpflanzen 4

Immer wieder spuckte die Bahn Neuankömmlinge in Lagos aus. Die meisten hiel­­ten den Ort aber für viel zu touristisch (was waren die dann selbst, wenn sie keine Touris­ten waren?). Sie ließen Lagos unbesehen(!) „links liegen“ und fuh­ren nach Sa­gres an den Südwestzipfel von Portugal. So sah ich mich genötigt, auch noch ein­mal einen Bus nach Sagres zu nehmen und dem Ort eine zweite Chance zu geben. Aber, wie im Jahr davor, war es öde und windig. Wenigstens wollte ich jetzt den Cabo de São Vicente sehen, wie der südwestlichste Punkt Europas heißt.

Es schien ziemlich weit zu sein. Irgendwie habe ich die Straße nicht gefunden,  nur einen Trampelpfad. Überall wuchs Trocken-Vegetation wie Disteln etc. Ob ich den Südwest­zip­fel tatsäch­lich erreicht habe, oder aufgrund falschen Schuhwerks (nur Sanda­len) so wieder um­gekehrt bin, kann ich nicht mehr sagen. Da ich aber kein Foto von der Klippe ha­be, wird wohl Letzteres zutreffen. Zudem hätte ich zumindest dort die Straße finden müssen. Durchaus möglich, dass ich in die falsche Richtung gegangen bin. In Zeiten von Google Earth hätte ich das Ziel vermutlich erreicht.

Beim Essengehen in Lagos habe ich in diesem Jahr keinen Stromausfall mehr mit­­bekommen. Im Jahr zuvor waren Kurzschlüsse dagegen häufig gewesen.

 Mit zwei Schwedinnen in Lissabon

Lisboa am Hafen 1980

So schön Lagos ist, vor allem das Nacktschwimmen im Meer, zog es mich den­noch nach etwa acht Tagen weiter nach Lissabon. Bei der ersten Tour hatte ich mit meinem Freund die portugiesische Hauptstadt ja nur schnell „im Vorübergehen“ besichtigt, um rasch nach Schottland zu kommen.

Diesmal wollte ich übernachten. Eine kleine Rucksack-Karawane fand das Turismo-Büro in Lissabon. Zwei Mädchen, eine Schwedin und eine Schwedin mit griechischen Wurzeln wollten eigentlich in die Jugendherberge, da schlug aber die Dame vom Turismo vor, dass wir zu dritt (die zwei Mädels und ich) ein Zimmer in einem nahe gelegenen Hotel nehmen konnten. Ich verstand mich mit Freja und Dámaris prächtig. Auf den breiten Gehwegen an der Avenida Almirante Reis machten wir Crowd-Running: Man rennt direkt auf Passanten zu, um im letzten Augenblick auszuweichen. Die Be­troffenen waren weniger begeistert…

Wir erkundeten Lissabon zu Fuß und per Metro, und wir checkten, dass man­che Fahrten zu dritt mit dem Taxi billiger Prunkwinde Ipomoea tricolorwaren als mit öffentlichen Ver­kehrs­mit­teln. Zu unserem Hotel mussten wir immer durch einen Park gehen und dort begeisterte mich eine wunderschön himmelblau blühende, großblütige Winde: Ipomoea tricolor. Freja sagte, die sei in Schweden verboten, da sie psychoaktive Stoffe (hier Lysergsäureamid, eine Vorstufe von LSD) enthalte. Solche Pflanzen werden heute unter dem Begriff „legal highs“ geführt, sofern sie nicht verboten sind, wie in Schweden. Und nein, wir haben kein „Gebräu“ daraus hergestellt. Das Foto zeigt eine ähnliche Winde.

Fast von Baywatch-Leuten „gerettet“

Dámaris hat­te nach einem Strand gefragt und auch die Bus­linie, die dorthin führte, in Erfah­rung gebracht. Der Strand hieß Costa da Capari­ca und war per Bus in ca. 1 ½ Stunden zu erreichen. (Was für paradiesische Zustände wa­ren das doch in Lagos gewesen, wo man locker zum Strand hatte joggen können…).

Die Brandung am „Caparica-Strand“ war  an diesem Tag ziemlich gewaltig. Aber wenn man die ers­ten Brecher überwunden hatte, war das Meer recht angenehm. Ich war es von Lagos her gewohnt, weit rauszuschwimmen. Natürlich behielt ich immer den Ausgangs­punkt im Auge und begann auch irgendwann, zurückzuschwimmen. Ich kann nicht sagen, dass mir das schwergefallen wäre. Als ich aber am Strand ankam, liefen ein paar Leute auf mich zu, gaben mir ein Getränk und beglück­wünschten mich durch Schulterklopfen, um mich danach in tadelndem Tonfall darüber aufzuklären, dass man nicht schwim­men dürfe, wenn die rote Flagge gehisst sei. Sie hätten schon in Erwägung gezogen, mich mit einem Motorboot zu „retten“. Noch ein Grund mehr, Lagos nachzutrauern…

In derselben Nacht habe ich Freja geweckt, als Dámaris schon tief und fest schlief und habe sie gefragt, ob sie mit mir schlafen wolle. Da sie ei­nen Freund hatte, wollte sie nicht.

Am nächsten Tag haben sich unsere Wege dann getrennt…

 Fortsetzung hier

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